Mathilde Brandis 
Gebärdensprachdolmetscherin

Dolmetschen   Übersetzen / Leichte Sprache   Beratung    
Qualifizierte Inklusionsassistenz / Kommunikation       

Infos

Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers hat sich erst Mitte der achtziger Jahre etabliert und ist somit noch relativ jung.

Kommunikationsformen:
Die "Gruppe der Hörgeschädigten" ist im Inneren äußerst heterogen, denn Hörgeschädigte verfügen über unterschiedliche Hörvermögen. Auch die technische Versorgung mit Hörhilfen variiert individuell. Entscheidend bei der Wahl der Kommunikationsmittel ist auch, ob die Hörschädigung vor oder nach dem Spracherwerb eintrat.
Je nach Bedarf des Klienten/der Klientin können unterschiedliche Kommunikationsformen gefordert sein, die im folgenden Abschnitt vorgestellt werden:

Das Dolmetschen von gesprochener Sprache in die Gebärdensprache und umgekehrt ist die häufigste Kommunikationsform. In der Fachsprache wird diese auch als "Signen" und "Voicen" bezeichnet.
Von Hörgeschädigten, die wegen ihren familiären Voraussetzungen von der Lautsprache geprägt sind, wird oftmals "visualisiertes Deutsch", also lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) gewünscht. In dieser Kommunikationsform wird das Gesprochene Wort für Wort mit den entsprechenden Gebärden begleitet. Die Wortabfolge und die Grammatik werden dabei beibehalten. Werden (z.B. wegen der Geschwindigkeit des Sprechers) nicht alle Wörter durch Gebärden begleitet und das Gesprochene insgesamt nur durch Gebärden unterstützt, spricht man von sogenannten Lautsprachunterstützenden Gebärden (LUG). Hier liegt der Fokus auf dem Absehen vom Mund.
Beim Buchstabieren mit dem Fingeralphabet von Eigennamen oder Fremdwörtern, für welche (noch) keine Gebärden existieren, handelt es sich nicht um eine Verdolmetschung, sondern um eine Transkodierung (Übertragung).

Dolmetschtechniken:
Gebärdensprachdolmetscher*innen werden meist zum Simultandolmetschen bestellt. Dabei wird die Zielsprache in relativ kleiner Zeitverzögerung (Lagtime) zum Sprecher produziert. Dem gegenüber steht das so genannte Konsekutivdolmetschen, bei dem chronologisch nacheinander verdolmetscht wird.
In manchen Situationen ist auch das so genannte "Vom-Blatt-Dolmetschen" als eine weitere Technik gefragt. Hier wird nicht Gesprochenes, sondern Texte in Gebärdensprache verdolmetscht. Diese Technik findet zum Beispiel im Rahmen von Behördengängen bei der Verdolmetschung von Formularen Anwendung.

Dolmetschprozess
Der Dolmetscher/die Dolmetscherin nimmt die Nachricht der Ausgangssprache auf. Im Gehirn wird diese auf Inhalt und Bedeutung hin analysiert und in die Zielsprache übertragen. Berücksichtigt werden neben Inhalt und Bedeutung auch weitere sprachliche Details, wie z.B. der Sprachstil.
Diese drei Prozesse laufen ab, während parallel bereits neue Informationen aus der Ausgangssprache wahrgenommen und verarbeitet werden. Trotz hoher erlernter Gedächtniskapazität erfordert der Dolmetsch-Prozess ein so großes Maß an Konzentration, dass nicht unbegrenzt lange gedolmetscht werden kann. Je nach Einsatzart und -dauer sind daher oft mehr als ein Dolmetscher/eine Dolmetscherin notwendig. Bei der sogenannten Doppelbesetzung wird im Team, gearbeitet. Hier wird nach 15 Minuten abgewechselt  und das Team unterstützt sich gegenseitig.

Dolmetschen im Team
Beim Gebärdensprachdolmetschen treten infolge der komplexen mentalen Prozesse Ermüdungserscheinungen auf. Ein hohes Maß an Konzentration muss aufgebracht, Informationen wahrgenommen, verstanden, analysiert, übertragen und in die Zielsprache produziert werden. Die Qualität des Dolmetschens ließe folglich im Laufe der Zeit stark nach, stünde nur ein Dolmetscher/eine Dolmetscherin zur Verfügung.
Aus diesem Grund wird bei langen Einsätzen zusammen im Team gearbeitet. Bei besonderen Veranstaltungen, wie z.B. Kongressen besteht solch ein Team üblicherweise aus drei oder mehr Dolmetschern. Um für solche Team-Einsätze entscheiden zu können, wie viele Dolmetscher benötigt werden, sind alle relevanten Informationen wie Art, Dauer sowie Ablauf der geplanten Veranstaltung wichtig.
Bei einem Einsatz in Doppelbesetzung sitzen beide Kollegen beieinander, je nach Gegebenheiten nebeneinander oder gegenüber, und sich abzuwechseln. Der passive Dolmetscher, der gerade nicht an der Reihe ist, bleibt weiterhin aufmerksam, um seinen aktiv dolmetschenden Kollegen bei Bedarf jederzeit unterstützen zu können. Auf diese Weise wird eine höchstmögliche Qualität über einen relativ großen Zeitraum gewährleistet.

Doppelbesetzung bei:
  • Einsätzen, die mindestens 1 Stunde dauern
  • Einsätzen, die maximal 1 Stunde dauern, aber mit hoher Verantwortung und Leistung des Dolmetschers verbunden sind.
Aber auch schon kurze Aufträge von weniger als einer Stunde können zwei Gebärdensprachdolmetscher*innen erfordern. Ein Vortrag, beispielsweise von 45 Minuten Länge und hoher Rededichte, stellt einen weit höheren Anspruch an den Dolmetscher als ein Gespräch zwischen zwei Arbeitskolleg*innen.

Auch wenn in Doppelbesetzung gearbeitet wird, sind nach gewissen Zeitabständen Pausen zur mentalen und körperlichen Regeneration notwendig. Das Gebärensprachdolmetschen bringt eine hochrepetitive und einseitige Muskel- und Gelenkbelastung mit sich, sodass Regenerationsauszeiten unbedingt genommen werden müssen, um gesundheitliche Folgeschäden vorzubeugen. Das weit verbreitete RSI-Syndrom kann im schlimmsten Fall zur Berufsunfähigkeit führen.

Die  Berufs- und Ehrenordnung (BEO), der Gebärdensprachdolmetscher*innen unterliegen, untersagt das Arbeiten unter Bedingungen, die einer gewissenhaften Ausübung der Tätigkeit zuwiderlaufen.
Um unnötige Fehlerquellen und daraus resultierende Risiken zu minimieren, sollte die BEO berücksichtigt werden.

Quellen:
  • Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscher/innen Deutschlands e.V.:Arbeitsbedingungen für Gebärdensprachdolmetscher/innen, 2002
  • Vidal, Mirta:
    New study on fatigue confirms need for working in teams.
    In: Proteus Vol. VI, No. 1, 1997

Stressoren eines Gebärdensprachdolmetschers
Verschiedene Bedingungen oder Ereignisse während eines Dolmetschauftrags können zu Stress führen. Folgende Faktoren sind Beispiele für das Entstehen solcher Situationen:
  • Voicen mehrerer (unbekannter) Gehörloser
  • Anzahl der Teilnehmer
  • Emotionale Situationen, besonders trauer- und aggressionsgeladene, aber auch euphorische Stimmung (z.B. Kündigungsschutzverfahren, Streik, Insolvenzverfahren, Krankheit oder Tod)
  • Sprecher: schnelles Sprechtempo, lange Reden, Wortbeiträge ohne Pausen, Dialekte, inhaltliche und akustisch unklare und unzusammenhängende Äußerungen der Sprecher, Teilnehmer reden durcheinander
  • Störgeräusche (z.B. Surren einer Klimaanlage, Lüftung des Diaprojektors, Gemurmel von Teilnehmern)
  • schlechte Akustik
  • hohe Erwartungen der Teilnehmer an die Dolmetscher*innen bei Prüfungen)
  • mangelnde Erfahrung zur Thematik (sog. "Fachchinesisch")
  • keine Pausen (z.B. der/die Hörgeschädigte will die Pause nutzen, um etwas zu erfragen)

Entspannungstechniken
Um diesen Stressoren entgegenzuwirken und eine sowohl körperliche als auch psychische Entspannung zu erreichen, haben sich Autogenes Training (AT) und Progressive Muskelrelaxans (PMR) bewährt. Als Entspannungstrainerin biete ich diese Methoden an, momentan nur online. 
Als weitere Entspannungsmethode hat Kunsttherapie ebenfalls gute Erfolge erzielt. Als ausgebildete Kunsttherapeutin (agk) gestalte ich künstlerische Entspannungs-Workshops. Aufgrund der aktuellen Corona-Lage werden diese erst wieder ab Herbst stattfinden. Nähere Infos finden Sie im kreativRaum.

Berufsvoraussetzungen, Ausbildung, Abschlüsse, Weiterbildung
Der Zugang zum Beruf des Gebärdensprachdolmetschers gestaltet sich keineswegs einheitlich, es können unterschiedliche Qualifikationen nachgewiesen werden, wobei qualitativ durchaus graduelle Unterschiede festzustellen sind. Es besteht weder eine gesetzliche Regelung zur Berufsausübung für Gebärdensprachdolmetscher, noch ist die Berufsbezeichnung gesetzlich geschützt. Es ist jedoch strafrechtlich geregelt, dass akademische Grade wie Diplom-Gebärdensprachdolmetscher ausschließlich von einer Hochschule verliehen werden können. Der Titel "Staatlich geprüft" darf nicht unberechtigt geführt werden.

In Deutschland gibt es verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten für Gebärdensprachdolmetscher:
  • Universität mit dem Abschluss Diplom-Gebärdensprachdolmetscher
  • Fachhochschule mit dem Abschluss Diplom-Gebärdensprachdolmetscher (FH)
  • Berufsbegleitende Ausbildungsgänge - hier kann im Anschluss die staatliche Prüfung absolviert werden.